Erinnerungen an den 15. März 1945

Veröffentlicht am 15.03.2017 in Ortsverein

„Es bebte und krachte fürchterlich …ich betete, dass ich zuerst sterben möchte“

Heute vor 72 Jahren war Oranienburg einem schweren Bombenhagel ausgesetzt.  Mehrere Tausend Menschen verloren ihr Leben; die Stadt wurde schwer zerstört. Der Zweite Weltkrieg, der von den Nationalsozialisten mit abscheulicher Gier und Zerstörung ausging, war spätestens jetzt mit all seinem Schrecken in Oranienburg angekommen. Viele Einwohner erinnern sich noch an diesen Tag, an den wir heute mit diesem Zeitzeugenbericht von Inge Risse erinnern wollen.

Zudem findet ab 16 Uhr auf dem städtischen Friedhof ein Gedenken statt, zu dem Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke, Pfarrer Friedemann Humburg und das Forum gegen Rassismus und rechte Gewalt eingeladen haben.

 

 

Der 15. März. 1945


Es war ein schöner sonniger Frühlingstag. Hier und da blühte es schon in den Gärten und sogar einige Obstbäume. Ich war 10 Jahre und ging ausgeschlafen und fröhlich zur Schule, da es in der Nacht keinen Fliegeralarm gab. Ich hatte einen weiten Weg, denn meine Schule am Bahnhof, das heutige Runge-Gymnasium, war mit verwundeten Soldaten und wie ich glaubte auch mit Flüchtlingen belegt. Also musste ich einen weiten Weg von der Waldstraße bis zur Hans-Schemm-Schule, das heutige Luise-Henriette-Gymnasium, gehen. Ich freute mich besonders auf die Englischstunde, die
es mit Frau Dr. Studte nie mehr geben sollte.

Es klingelte zum Ende der Pause, als ich auf dem Weg zum Klassenzimmer hörte, wie eine Lehrerin zu einer Anderen sagte, dass alle Kinder, die es weiter als 15 Minuten nach Hause haben, in der Schule bleiben sollten!

„500 Bomber im Anflug auf Oranienburg“


Ich schnappte meine Mappe und rannte so schnell ich konnte nach Haus. Rückblickend betrachtet eine wohl lebensrettende Entscheidung. „Runter von der Straße!“, schrie ein Luftschutzhelfer in Höhe der Bahnüberführung, ich hörte nicht. Völlig außer Atem erzählte ich meiner Mutter was ich gehört hatte. Ich holte meinen Bruder, der damals 2 Jahre alt war, aus dem Mittagschlaf und zog ihn an. Meine Mutter, die mir nicht glaubte und selenruhig weiter Bügelte, schimpfte mit mir: „Lass den Jungen schlafen, die fliegen doch eh wieder nach Berlin!“. Indem heulten auch schon die Sirenen. Ich ging mit Manfred, meinem Bruder, runter in den Hof. Herr Scharf, ein Nachbar, war auch da. Wir beobachten wie ein Flugzeug einen Kondensstreifen am Himmel zog und hörten auch schon das dumpfe brummen der herannahenden Bomber. „Inge, jetzt aber nichts wie in den Keller!“, sagte Herr Scharf. Als meine Mutter in den Keller kam fielen bereits die ersten Bomben. Es bebte und krachte fürchterlich. Durch das Kellerfenster kam Sand und Schutt, ich dachte jetzt sind wir verschüttet und betete inbrünstig, dass ich zuerst sterben möchte, um nicht sehen zu müssen wie mein Bruder oder meine Mutter stirbt!

Kaum hatte es sich etwas beruhigt, als erneut ein Bombenhagel auf uns niederging. So ging es noch einige Male weiter. Vom übernächsten Aufgang kamen Nachbarn und ein Schulkamerad der schluchzte voller Tränen „meine Mutti, meine Mutti“, sie war eingeklemmt und hat es nicht Überlebt.

„Keiner darf hier raus!“, hieß es, auf dem Hof liegt ein Blindgänger, der dann auch bald Explodierte. Nun war der Angriff vorbei.

Wir durften nicht ins Haus. Meine Mutter holte noch Decken und was zu essen, glaube ich. Ganz in der Nähe gab es einen Splittergraben. Die Wände waren mit Brettern verkleidet an denen Sitzgelegenheiten befestigt waren. Die Decke war auch mit Holz verkleidet und mit Sand bedeckt. Hier hausten wir alle, bis wir wieder ins Haus konnten. Ich dachte, „hier sind wir gleich alle tot und können nicht verschüttet werde, wenn die nächsten Bomben fallen.“, meine größte Angst war es nämlich verschüttet zu werden. Mein Vater, der in den AUER Werken arbeitete, war an diesem Tag mit einem blinden Kollegen nach Berlin gefahren um ein Radio abzuholen. Als er gesund nach Hause kam lagen wir uns vor Freude weinend in den Armen, WIR LEBTEN!!!

 

Inge Risse
Oranienburg, den 14.03.2017

 

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