Kranzniederlegung zum 76. Jahrestag der Reichspogromnacht

Veröffentlicht am 09.11.2014 in Allgemein

oberes Bild: Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke (links) und Landtagsabgeordneter Björn Lüttmann

unteres Bild: Gedenkstein ehemaliges Jüdisches Bethaus in der Havelstraße

 

 

Rede von Björn Lüttmann, MdL, zum 76. Jahrestag der Reichspogromnacht

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Reichspogromnacht, in der organisierte Truppen der Nationalsozialisten sowie durch die Nazis aufgehetzte Menschen Jagd auf jüdische Mitbürger machten und jüdisches Eigentum zerstörten, jährt sich heute zum 76. Mal!

Die Pogromnacht gilt in der Geschichte als die sichtbarste Ankündigung der bevorstehenden Katastrophe, der organisierten, millionenfachen Ermordung der Juden unter dem Regime der Nationalsozialisten.

Auf dem Gebiet des Landes Brandenburg gab es 1938 in mehr als 50 Städten und Gemeinden jüdische Synagogen und Bethäuser. In der Pogromnacht wurden die meisten von ihnen zerstört, darunter zum Beispiel die Synagogen von Brandenburg an der Havel, Eberswalde und Cottbus.

Auch wenn das Jüdische Bethaus in Oranienburg in jener Nacht nicht zerstört wurde, so war Oranienburg doch ein zentraler Ort des Pogroms: Zwischen 6.000 und 10.000 Juden wurden hierher in das KZ Sachsenhausen verschleppt, die genaue Opferzahl ist bis heute unbekannt.

Ihr Leiden und ihr Sterben bleibt uns bis heute Verpflichtung!

Schauen wir in die Gegenwart:

Ist der Antisemitismus, die "Judenfeindlichkeit", denn heute nur noch Vergangenheit, an die wir uns erinnern?

Im Gegenteil, er scheint sehr lebendig!

"Schockwellen von Judenhass" beklagt der Präsident des Zentralrates der Juden, Dieter Graumann, im September 2014.

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern sprach im August gar von der "bedrohlichsten Zeit seit 1945"

Der Hintergrund dieser Aussagen waren die Demonstrationen gegen Israels militärisches Eingreifen im Gaza-Streifen in diesem Sommer. Nach Ansicht von Graumann und Knobloch boten diese nur den gesuchten Anlass, um dem "Judenhass" freien Lauf zu lassen.

Die Zitate erscheinen vielleicht übertrieben und dennoch ist eine gewisse Rückkehr des Antisemitismus im Zusammenhang mit den Konflikten zwischen Israel und Palästina, den aktuellen islamistischen Strömungen und dem Ansteigen der Flüchtlingszahlen nach Deutschland offensichtlich.

  • 15-20 Prozent der Deutschen sind latent antisemitisch, rund 8-10 Prozent offen antisemitisch, so die letzten Zahlen der Friedrich-Ebert-Stiftung.
  • In anderen europäischen Ländern sind diese Zahlen zum Teil noch sehr viel höher, beispielsweise in Frankreich und Polen.

Der Antisemitismus scheint also bis in die Mittelschichten westlicher Gesellschaften wieder salonfähig zu werden.

Der Brandenburger Landtag hat deshalb am vergangenen Mittwoch in einer Entschließung festgestellt:

"Die staatlichen Institutionen des Landes Brandenburg, die Brandenburger Zivilgesellschaft und alle Brandenburgerinnen und Brandenburger müssen Antisemitismus und Rassismus bereits in der Entstehungsphase mit allen verfügbaren Mitteln entgegentreten."

Es gibt aktuell aber auch sehr positive und hoffnungsvolle Entwicklungen jüdischen Lebens in Brandenburg, zum Beispiel:

  • Gründung des Instituts für Jüdische Studien und Religionswissenschaften an der Universität Potsdam 2013
  • Die in diesen Wochen stattfindende Umwandlung der Schlosskirche in Cottbus in eine Synagoge.
  • Nicht zuletzt unsere Jüdische Gemeinde "Wiedergeburt" hier in Oberhavel, die immer wieder mit neuen Projekten an die Vergangenheit erinnert und sich für eine gemeinsame Zukunft engagiert, wie zuletzt mit der Gedenktafel für Galina Romanowa

Welche Lehren müssen wir also aus der Reichspogromnacht und den Verbrechen der Nationalsozialisten ziehen?

Dazu möchte ich mit einem Zitat Richard von Weizsäckers enden, welches uns zu Geschichtsbewusstsein und Toleranz gemahnt und zugleich einen gemeinsamen Auftrag gibt für die nächste Zeit, in der wir viele Flüchtlinge aus aller Welt in Oranienburg und Oberhavel erwarten:

"Wir alle, ob schuldig  oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.

Wenn wir uns daran erinnern, wie rassisch, religiös und politisch Verfolgte, die vom sicheren Tod bedroht waren, oft vor geschlossenen Grenzen anderer Staaten standen, werden wir vor denen, die heute wirklich verfolgt sind und bei uns Schutz suchen, die Tür nicht verschließen.“

(Richard von Weizsäcker, 1985)

 

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