Sigmar Gabriel zu Gast in Oberhavel

Veröffentlicht am 08.08.2013 in Allgemein

Artikel aus der Märkischen Allgemeinen Zeitung vom 08.08.2013

Gute Laune im schweren Wahlkampf

Die Oberhaveler "Sozisingers" munterten ihren Parteichef Sigmar Gabriel in Birkenwerder auf.

Birkenwerder. Ganz schnell war die finstere Miene von Sigmar Gabriel verschwunden. "Es gibt kaum was Bessres als die SPD", sangen die Oberhaveler Sozisingers zur Melodie von Monty Pythons "Always look on the bright side of life". Gabriel strich sich mit der Hand durchs Gesicht und schüttelt den Kopf. "Das Lied jagt einem Freude ein", sagte der SPD-Parteichef und lud die Sänger um Gitarrist Heiko Friese spontan zum Deutschlandfest ein ‒ der zentralen Feier zum Parteijubiläum am 17. und 18. August in Berlin. Die Partei suche seit 150 Jahren nach einem Lied. "Wenn man griesgrämig ist, macht das wieder gute Laune", sagte der SPD-Chef.

Den Beweis für seine Erkenntnis lieferte er selbst. Zunächst etwas übellaunig war Gabriel am frühen Dienstagabend im Restaurant Boddensee in Birkenwerder erschienen. Nach der musikalischen Begrüßung und sehr freundlichen Worten der SPD-Bundestagsabgeordneten Angelika Krüger-Leißner verschwanden die Falten auf Gabriels Stirn. Wie ein Entertainer stellte er sich vor die Gäste, lächelte, reichte das Mikrofon weiter, hörte zu und gab sehr ausführliche Antworten auf alle gestellten Fragen. Die von Krüger-Leißner benutzten Beschreibungen "politische Rampensau" und rhetorisches Naturtalent" stellte Gabriel dabei schnell unter Beweis. Es war aber auch ein Heimspiel. Gekommen waren ausschließlich Parteimitglieder und -sympathisanten.

Attacken auf den politischen Kontrahenten blieben fast aus. Nicht die CDU sei der größte Gegner der SPD, sondern eine niedrige Wahlbeteiligung. Nichtwähler würden der SPD Stimmen kosten, so die Befürchtung des Parteivorsitzenden, der schnell jede Menge Gründe lieferte, warum die SPD zu wählen sei.

Gabriel sprach den Fachkräftemangel an, redete über einen Spitzensteuersatz von 49 Prozent, über Europa, Bankenrettungen, Asylbewerber und erklärte, warum es immer noch Unterschiede bei Löhnen, Tarifabschlüssen und Renten zwischen Ost und West gibt und widmete sich sehr ausführlich den Fragen des 13-jährigen Jurek aus Oranienburg, der wissen wollte, warum die S-Bahn immer mehr Geld für ein Ticket verlangt, obwohl der Service nicht besser werde. "Letzten Winter mussten wir 50 Minuten warten, weil zwei Züge ausgefallen waren. Hätten Sie eine Idee, wie man das irgendwie lösen könnte?", fragte der Schüler. Leider sei er kein Verkehrsexperte, antwortete Gabriel und versprach, die Zuständigen so lange zu nerven", bis er eine Antwort bekomme.

Ganz so geschmeidig blieb Gabriel beim Thema Bildung nicht. Gegen Applaus und Zwischenrufer sprach er sich für das föderale Bildungssystem in Deutschland aus. Eine zentrale "Kultusbürokratie" sei für ihn eine Horrorvorstellung. "Ich bin kein Zentralist", sagte er. "In der früheren DDR wollen alle gleiche Bücher, gleiche Lerninhalte." Es müsse aber Unterschiede zwischen einer Dorfschule und Großstadtschulen geben. Jureks Idee, dass unter drei Millionen Arbeitslosen sicher einige geeignete Lehrer seien, nahm Gabriel begeistert auf.

Wenig Hoffnung machte er Birkenwerders Bürgerinitiativen gegen Autobahn- und Zuglärm. Für Lärmschutz gebe es viel zu wenig Geld, die Lärmaktionspläne seien "zahnlose Tiger". Entschieden wandte sich der frühere Umweltminister gegen die Vorbehalte zum Netzausbau. Problematisch sei jedoch, dass die Energiewende "chaotisch" vollzogen werde. Die Privatisierung der Netze sei ein Fehler gewesen, sagte Gabriel und bezeichnete sich als "gebürtigen Atomkraftgegener".

Mit ebenso deutlichen Worten antwortete der SPD-Chef auf die Frage von Ingrid Binder nach einer Koalition mit der Linken. Gysi habe doch gute Ideen, sagte die SPD-Sympathisantin. "Wenn die Linkspartei so wäre wie Gregor Gysi, hätte ich kein Problem", antwortete Gabriel. Die Linke bestehe aber aus zwei Parteien: Im Osten stehe sie für "Law and Order", im Westen vereine sie "alle Spinner dieser Welt". Viel lieber als mit den Linken sang Gabriel schließlich mit den Sozisingers die Parteihymne: "Wann wir schreiten Seit’ and Seit’...".

Von Klaus D. Grote

 

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