Stolperstein-Verlegung in Oranienburg

Veröffentlicht am 12.06.2013 in Allgemein

Der SPD Ortsverein Oranienburg beteiligte sich mit der Finanzierung eines Stolpersteins an der gestrigen Verlegung in der Oranienburger Fischerstraße (vor Rossmann).
 
 

Artikel aus dem Märkischen Allgemeinen Zeitung vom 11.06.2013:

Den Opfern ihre Namen wiedergeben

Stolpersteine für Richard und Herbert Ludwig in Oranienburg verlegt

Von Michaela Grimm

ORANIENBURG Hans-Joachim Ludwig sitzt in Begleitung seiner Frau im Schatten des Drogeriegebäudes in der Oranienburger Fischerstraße. „Das rüttelt alles wieder wach“, sagt er, als für seinen Großvater und seinen Vater zwei Stolpersteine an dem Ort verlegt werden, wo einst ihr Wohnhaus stand.

Die Gravuren einer Messingplatte erinnern an Richard Ludwig, geboren 1874. „Deportiert 1942 Theresienstadt tot 5.4.1943“ steht karg darauf. Der zweite Gedenkstein ist Herbert Ludwig gewidmet. Jahrgang 1903, deportiert nach Auschwitz 1943, ermordet im Dezember desselben Jahres. Ein Schreiben der Lagerkommandatur offenbart, dass sein Tod im Vorfeld feststand.

Seinen Opa sah Hans-Joachim Ludwig zuletzt als Kind. Ihm hatte er den Koffer getragen, sich mit ungutem Gefühl vor der Berliner Synagoge verabschiedet. Mit seinem jüdischen Vater musste er dann selbst im Jahr darauf zur Gestapo-Sammelstelle für Juden in der Berliner Straße. Wie ihn seine Mutter Elisabeth freibekam, hat Hans-Joachim Ludwig nie erfahren.

Von den Gräueltaten der Nazis gegen seine Familie und Freunde berichten zur Stolperstein-Verlegung junge Menschen, die heute Schüler sind. Sie hatten im Geschichtskurs recherchiert, zu welchem Leidensweg die Familie Ludwig von den Nazis gezwungen wurde. Im November 1938 stürmten Fremde brüllend das Zuhause in Borgsdorf. SA-Leute, aber auch Nachbarn, beschimpften und verhöhnten die Familie übel, zerstörten die Möbel, vernagelten die Wohnungstür. Flucht zu den Großeltern nach Oranienburg. Aufgezwungener Judenstern, verordnete Namenszusätze. Absonderung der Kinder auf eine jüdische Schule in Berlin. Die Klassen wurden kleiner, die Schulen erst zusammengelegt, dann geschlossen. Deportation der Männer in Arbeits- und Konzentrationslager.

Als die Gedenksteine für Richard und Herbert Ludwig behutsam in den Boden eingelassen werden, singen die Zwölftklässler des Georg-Mendheim-Oberstufenzentrums davon, wie wertvoll Leben ist. Viele der um die 80 Gäste, die gekommen sind, flüstern die Verse mit: „geboren um zu leben, mit den Wundern jeder Zeit, sich niemals zu vergessen bis in alle Ewigkeit“. Es ist eine Gedenkfeier für zwei Menschen, denen eine Beerdigung nie zu Ehren kam. Eine ehrvolle Andacht. 70 Jahre später.

„Die Stolpersteine geben den Menschen ihre Namen wieder“, sagt eine Schülerin. Dass Jugendliche die Zeremonie gestalten, findet Hans-Joachim Ludwig gut. Was ihn sorgt, ist der Rechtsextremismus der Gegenwart. Ihm unbegreiflich: dass heutzutage wieder Nazis auf offener Straße aufmarschieren. „Das Wichtigste ist, dass der Frieden erhalten bleibt“, sagt der heute 83-Jährige.

Nach dem Krieg bildete der Malermeister Lehrlinge aus. Später arbeitete er als Betriebshandwerker. Beim Pendeln nach Berlin lernte er 1953 seine Frau kennen. „Im schwarzen Zug“, nennen beide lachend die S-Bahn. Und berichten stolz von ihrem Sohn und zwei erwachsenen Enkelkindern.

 

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